Mittwoch, 31. Oktober 2012

Niedliche untote Kinder in einer globalisierten Welt

Heute laufen ziemlich viele niedliche untote Kinder durch die Straßen. Auch ein paar Teufelchen, Fledermäuse und ziemlich unfdefinierbare Verkleidungen habe ich schon gesehen. Das macht gewissermaßen Sinn denn in der amerikanisierten Welt, in der auch alle anderen Nationen irgendwie noch leben. So hat sich auch hier in Uruguay in den letzten zehn Jahren die nordamerikanische Tradition von Halloween eingeschlichen.

Manchmal beschleicht mich das Gefühl es dauert nicht mehr lange bis es sowieso überall nur noch globalisierten Einheitsbrei gibt. Schon jetzt ist es in den Einkaufsstraßen europäischer Großstädte manchmal schwer zu sagen in welchem Land man sich gerade befindet. Überall finden sich die gleichen Ketten in denen man Kleidung oder Fastfood kaufen kann. Und alle Streben nach den gleichen Produkten.
Aber manchmal ist Globalisierung auch schön. Es gibt eben überall das Selbe. Wie zu Hause. Das erste Mal ist mir das in einem Hostel in Lissabon aufgefallen als ich beim Frühstück die gleichen Teller und das gleiche Besteck eines einschlägigen schwedischen Möbelhauses fand wie in meinem eigenen Schrank zu Hause. Selbiges Möbelhaus sorgt im allgemeinen auch dafür dass man sich in fremden Studentenzimmern gleich heimisch fühlt ("Oh, den Sessel hab ich auch.") und man kann eine gewisse Heimatsatmosphäre auch durch dort erworbene Produkte herstellen. So wie in Sevilla als ich mein Zimmer mit Schreibtisch und Beistelltisch möblierte, die ich in praktischer Verpackung und Leichtbauweise selbst per Bus halbwegs gut einkaufen konnte.
Auch Kaffeeketten können dank ihrer Omnipräsenz irgendwie ein Mini-Heimat-Gefühl hervorrufen. Immer das gleiche Einrichtungsdesign, immer der gleiche Kaffee, nur die Preise unterscheiden sich je nach Land. 

Nur Uruguay hat kaum etwas von dem oben genannten bisher erreicht. Das Land ist so klein und so unwichtig, dass es bisher offensichtlich untergangen ist auf den Karten der großen Unternehmen. Möbel sind meist handgefertigt und teuer. Als schnelles Essen holt man sich eher Milanesas, Chivitos oder Hamburguesas an der Straße oder in der Bar. Klamotten kommen hier auch von Ketten, aber keine, die ich bisher schon anderswo gesehen hätte. Außerdem geht die Uruguaya an sich auch eher ein bis zwei Mal im Jahr in Buenos Aires Shoppen. Mehr Auswahl und billiger wurde mir berichtet. Wofür sich bisher noch kein adäquater Ersatz gefunden hat sind die nicht vorhandenen Kaffeeketten. Kulturell ist man hier eben auf Mate eingestellt. Das ist ja auch in Ordnung und garantiert ein nettes Gemeinschaftserlebnis, aber es kann doch kein ernsthafter Ersatz für einen Kaffee sein?!? Aber es ist ja auch nicht nur der Kaffee, der fehlt. Vielmehr fehlt der Rückzugsort am Nachmittag, wenn man keinen Hunger oder Durst hat und sich einfach nur mal nett Hinsetzen will. Und noch viel mehr fehlen mir die hübschen überdimensionierten Tassen.*

Ein weiteres schönes Erlebnis zum Thema der gleichmachenden Globalisierung war als ich auf Station neben einem Studenten stand und dachte "Moment, den Duft kenn ich doch. Aber in meiner Welt gehört der zu jemand Anderem". Manchmal ist es eben nicht das Selbe sondern nur das Gleiche.


Übrigens bestehe ich darauf dass heute Hallomationstag ist. Weder Reforween noch sonst irgendwas. 
Ich hab Beweise:
Und falls sich jemand wundert warum auf meinem 120-Tage-Abstreichkalender noch kein Tag durchgestrichen ist. Der ist einfach zu schade dazu. Aber ich garantiere euch ich schau jeden Tag drauf!



Wirklich neue Fotos gibt es nicht aus der letzten Zeit. 
Aber ich hab ein paar lustige Dinge gesammelt.
Mein Sammelsurium.


Spielzeug für medizinische Spielkinder I


Spielzeug für medizinische Spielkinder II


Spielzeug für (große) medizinische Spielkinder III


Werkzeugset mit Blumenmuster. Leider verwackelt.
Das ist entweder merkwürdig sexistisch (für Mädchen gedacht)
oder sehr tolerant (für Jungs gedacht).
Ich bin bei der Wertung noch unentschlossen.


Dönerladen mit deutschem Werbeslogan 
und der spanischen Erklärung dass Döner von Berlin aus Europa eroberte.
Noch mehr spannende Infos zur Geschichte des Döners gibts hier


Scheinen auch wichtige deutsche Produkte zu sein.
(Preise 4,33€ bzw 4,16€)
Es gibt hier auch die Erdnussbutter desselben Herstellers 
im Glas mit deutscher Beschriftung.


*Um das nochmal klar zu stellen. Es geht mir gar nicht mal um das Amerikanische an diesen Coffeeshops. Genauso lieb und eigentlich noch viel lieber ist mir nämlich Balzac Coffee. Gibts aber nur in Hamburg/Berlin/Hannover/Lübeck. Norden hat eben doch was, was der Süden nicht hat!

Sonntag, 28. Oktober 2012

Tengo


Tengo. Ich habe. (Eine kleine Zusammenfassung):
Ich habe 24 neue Wäscheklammern mit denen meine Wäsche gerade auf dem Dach zum Trocknen hängt.
Ich habe mindestens 12 Mückenstiche. Die meisten an den Händen/Armen, aber auch an den Füßen.
Ich habe einen Ohrwurm von einem Song aus dem Konzert von letzter Nacht.
Ich habe einen Sonnenbrand aber nur selektiv am unteren Rücken.
Ich habe Dehydratationskopfschmerzen. Selber Schuld.
Ich habe eine Fahrtkarte für nach Buenos Aires nächstes Wochenende.
Ich habe fünf Killersudokus gelöst.
Ich habe "The Iron Lady" und "Sherlock Holmes - a game of shadows gesehen".

Ich hatte also ein schönes Wochenende. Aber nochmal von vorne.
Freitag abend war ich im Kino. Ich bin inzwischen Mitglied im Kinoclub Cinemateca Uruguaya. Das ist so eine Art Programmkinoverein. Die haben insgesamt vier Kinosäle verteilt in Montevideo. Aber drei davon sind in 10 Minuten zu Fuß von mir erreichbar. Aktuell ist britische Filmwoche. Interessanterweise brauche ich manchmal die spanischen Untertitel, weil ich gesprochenes Nordenglisch einfach nicht verstehe... Das war vor allem bei "Fish Tank" so. "Sherlock Holmes" hatte so viele Actionszenen und nicht so viel Handlung, dass man ihn selbst auf Chinesisch noch verstanden hätte. Wahrscheinlich am meisten beeindruckt hat mich bisher "The Iron Lady". 
Nach einem ruhigen Freitag abend und einer langen schlafreichen Nacht war Samstag vor allem ein Draußen-Tag. Mittags meldete sich eine Freundin und fragte ob ich mit an den Strand kommen wollte (jap, wollte ich). Und so lagen wir bei 25°C am frühen Nachmittag eine Stunde auf Handtüchern im Sand. Ich bin zwar chaotisch und ein wenig verplant, aber an Sonnencreme aus Deutschland habe ich immerhin noch gedacht. Und ich hatte sie am Strand dabei. Und ich hab sie benutzt. Leider habe ich dabei übersehen, dass ich auch einen Rücken habe. Der ist jetzt von Th12 bis S1 rot und etwas schmerzempfindlich auf Berührung (für Nichtmediziner: das ist der untere Rücken). Selber Schuld. Und was ich auch nicht mit hatte war Wasser. Auch selber Schuld! Nach einer Stunde wurde es dann etwas kühl bei Wind und etwas trübem Himmel. 
Nach einem Abstecher in ein Cafe, da es bereits später Nachmittag war und mein Frühstück aus ein paar Stück Schokolade bestanden hatte, habe ich mich mit einer anderen Freundin getroffen und bin ca 6km an der Küste die Ramblas entlang wieder nach Hause spaziert. Das war ziemlich lang und ziemlich schön. Nachdem ich also den ganzen Tag draußen verbracht hatte dachte ich es sei mal Zeit für drinnen und mit mit einem Umweg über die Dusche bei mir zu Hause ins Kino gegangen. Von Kino aus dann gleich weiter zu einem Konzert. Da war ich halbzufällig und über mehrere Ecken von Bekannten von Bekannten hingeraten. Aufgetreten sind einige Cantautores nämlich genau 16. Auf Deutsch würde man dazu vielleicht Liedermacher sagen. Die waren unterschiedlich gut, aber insgesamt waren das sehr schöne dreieinhalb Stunden bei Gitarrenmusik und Gesang.
Zwei Hörproben von einem der Besseren gibts hier:



Den heutigen Sonntag habe ich dann hauptsächlich mit Ausschlafen verbracht nachdem ich erst um 4:30h nachts wieder zu Hause war. Und dann Wäschewaschen. Ich bin ja wirklich kein Fan von Haushaltsführung und allem was dazu gehört. Aber in warmen Ländern, wo man die Wäsche auf dem begehbaren Dach aufhängt, finde ich durchaus Spaß am Wäschewaschen. Ich mag es draußen bei angenehm warmer Luft umgeben vom Duft des Frischgewaschenen Kleidungsstücke ordentlich aufzuhängen, die danach im Wind wehen und wenn man sie wieder abhängt ganz sonnenwarm sind. Außerdem geht das Trocknen so schön schnell. Innerhalb weniger Stunden ist in diesem Naturtrockner alles trocken. Ich mag das.

Zum Schluss heute statt Foto ein kurzes Filmchen 
mit sonntäglicher Abendstimmung in meinem Zimmer. 
Grenzwertig kitschig: 
Der Tag war warm und sonnig, 
draußen ist es inzwischen dunkel, 
Das Fenster vor meinem Schreibtisch ist offen, 
eine kleine Brise weht herein 
aber man kann noch mit kurzen Ärmeln hier sitzen, 
auf dem Tischchen neben mir flackert eine Kerze 
und von draußen aus dem Innenhof klingt Musik zu mir.


Freitag, 26. Oktober 2012

Business as usual

In der letzten Woche wurde ich ständig gefragt was es Neues gibt. Wenn man woanders ist muss es offensichtlich die ganze Zeit über ganz viel Neues geben. Also hab ich angefangen mich zu fragen was es eigentlich Neues gibt. Hm. Hmmmmmm...
Ich wohne schon seit zwei Wochen in meinem neuen Zimmer. Ist also nicht mehr so neu. Mein Spanisch wird immernoch täglich ein klein wenig besser. Ist aber schon seit ich hier bin so. Auch nicht neu. Ich hab mich langsam auch an das Bussystem, die teuren Preise und Begrüßung mit Kuss gewöhnt. Also was ist dann noch neu gerade? Vielleicht ist das gerade das Neue. Der Alltag. Ich stehe morgens auf und koche Wasser für Kaffee (Gasflasche aufmachen, Flamme anzünden, Kessel mit Wasser drauf) und gehe ins Bad während das Wasser anfängt zu kochen. Ich fahre jeden morgen mit dem Bus in die Klinik (je nachdem welcher zuerst kommt CA1 oder einer von den 180ern), komme mittags nach Hause, koche mir was, gucke im Internet was in der Welt und der Heimat so los ist, gehe nochmal raus. Manchmal ins Kino (ich bin jetzt um 12€ ärmer und dafür Mitglied in der Cinemateca Uruguaya und kann einen Monat lang alle Filme in vier Säalen umsonst schauen). Ich weiss was im Supermarkt an welcher Stelle steht. Ich habe den Stadtplan zwar noch in der Tasche, aber schon seit über ner Woche nicht mehr drauf geguckt. Ich weiss welche Fragen man Schwangeren morgens in der Visite stellt (Schmerzhafte Wehen? Blutung? Flüssigkeitsverlust? Bewegt sich das Baby?). Insgesamt also denke ich über meinen Alltag nicht mehr viel nach.
Manche Dinge ändern sich auch einfach nie. Heute morgen in der Frühbesprechung saß eine der Internas von meiner Station hinter mir und nach einer gewissen Zeit entdeckte sie den Spaß am Spiel "Zieh die Locke lang und lass sie springen". Ein Phänomen das irgendwie immer wieder und in allen Ländern auftritt wenn neugierige Menschen hinter mir sitzen... 
Also irgendwie alles beim Alten.

Aber vielleicht auch nicht. Ich war heute zum ersten Mal in der Pizzeria/Bar bei uns an der Ecke. Hauptsächlich weil ich mittags nichts zu Essen im Haus hatte und zu faul und zu hungrig war um erst zum Supermarkt laufen, dann wieder nach Hause und dann noch was zu kochen. Der Kellner war auf ein unaufdringliche Art so unglaublich überschwänglich freundlich wie es mir bisher noch nie begegnet ist. Keine Höflichkeitsfloskeln und keine schlechte Anmache. Er war einfach genuin freundlich. Hat gefragt ob ich Uruguay mag, wie lange ich schon hier bin und später ob ich noch Salz oder irgendwas anderes brauche. Ob ich noch einen Kaffee oder Tee wollte, der ginge dann aufs Haus. Am Ende hat er sich noch entschuldigt nicht sofort gemerkt zu haben als ich bezahlen wollte, aber ich saß auf der Terasse und es lief Fußball im Fernsehen, da war er einen Moment abgelenkt. Aber ich fühlte mich weder beobachtet noch ignoriert beim Essen. Zum Schluss bedankte er sich dass ich da gewesen sei und hoffe es habe mir gut gefallen, er habe sich gefreut dass ich da gewesen sei.
So viel ernstgemeinte Freundlichkeit ist mir neu. Aber ich habe auch schon öfter gehört, dass hier jemandem der einen Stadtplan anschaute Hilfe angeboten wurde. Und ohne irgendwas zu wollen. Nicht als Ablenkungsmanöver für einen Taschendiebstahl oder als Einstieg um nach der Telefonnummer zu fragen. Einfach ein Hilfsangebot ohne Gegenleistung. Schön sowas.

Aber damit das hier nicht so harmonisch und kitschig wird noch ein Beispiel warum Uruguay auch nervig sein kann. Ich versuche seit einiger Zeit an einer Busfahrkarte mit Studentenrabatt zu kommen. Die gibt es und man muss dafür in eins der zuständigen Büros von STM - dem Verbund der Buslinien - gehen und kann diese personalisierte Studentenkarte mit Foto von denen bekommen. Damit kann man dann zum halben Preis Bus fahren. So weit so gut. Bei meinem ersten Besuch hieß es ich sei noch nicht im System registriert und die Fakultät müsse mich eintragen (das war vor zwei Wochen). Gestern bin ich nochmal hingegangen nachdem ich gehört hatte dass eine andere deutsche PJlerin inzwischen so einen Ausweis hat. Nach einigem Hin und Her, erklärte mir der Junge hinter der Glasscheibe, dass er nicht wisse wie man das in den Computer eingibt wenn es nicht die Nummer eines uruguayischen Personalausweises sei, sondern die eines deutschen Passes, die nicht nur Zahlen sondern auch Buchstaben hat. Ich solle doch am nächsten Tag zwischen 8 und 14h vorbei kommen, da sei ein Kollege da, der sowas möglicherweise wisse. Also bin ich heute nochmal hin. Der gleiche Junge hinter der Glasscheibe und ein anderer an einem Schreibtisch. Der solle mir wohl helfen können. Der war allerdings erstmal damit beschäftigt einen anderen Kunden zu bedienen. Dazu musste er einen Etikettendrucker wieder zum Laufen bringen, um dem Kunden einen Aufkleber auf seine Karte kleben zu können, damit diese gültig ist. Nach drei Minuten stellte er immerhin fest, dass das Problem war, dass die Rolle im Etikettendrucker alle war. Eine neue hatte er auch. Aber das Einsetzen klappte nicht. Band nach oben, Band nach unten. Telefon gesucht und jemanden angerufen. Der versuchte telefonisch Rat zu geben. Telefonierend weiter versucht. Ging immernoch nicht. Nach einer viertel Stunde, die ich schon dort saß und ihm bei seinem Problem und dessen Lösung zuschaute, instruierte der Typ dann den anderen Jungen hinter der Glasscheibe wie man Reisepassnummern in den Computer eingibt. Das versuchte der dann auch tatsächlich. Erster Versuch Nummer falsch. War ja klar. Er hat es auch nicht aus dem offiziellen Teil des Passes abschreiben wollen, sondern auf einem von mir handschriftlichen ausgefüllten Formular, was ich zur Ausreise noch brauche. Wieso ist mir nicht so ganz klar. Vielleicht kannte er das englische Wort für Nummer nicht und hat sie im Pass selber nicht gefunden? Oder er ist nicht der Hellste. Oder beides. Später schrieb er noch meinen Vornamen falsch ab. Wie man aus einem J ein B lesen kann ist mir auch schleierhaft. Egal. Er schrieb dann vom Formular auf einen Zettel nochmal ab was er glaubte dort gelesen zu haben, zeigte mir den Zettel und fragte ob das so richtig sei. Auch ne lustige Methode. Schlußendlich stellte sich heraus, dass ich trotz aller Bemühungen immernoch nicht im System zu finden sei. Also ging ich frustriert und ohne Studentenbusfahrkarte nach Hause und schrieb dem Auslandsbüro der Fakultät eine Email... 
So kompliziert kann Uruguay auch sein.


Die Bilder sind heute bunt. Hier gibt es jede Menge bunte Wände.



 "Una Esquina con Identitdad Uruguaya"
Eine Ecke mit uruguayischer Identität


"Borracho pero con flores vengo"
Ich komme betrunken aber mit Blumen
 

 "Anti humano"

 Kaugummi

 Kindergarten







Mittwoch, 24. Oktober 2012

Gynäkologie und Geburtshilfe

Sträflicherweise hab ich in meinem gesamten Medizinstudium bisher noch keine einzige Geburt gesehen. Das liegt vor allem am Unterrichtsmodell der Uni Hamburg. Ob das an anderen Unis besser funktioniert weiss ich nicht. In Hamburg hat man jeweils vier Tage vormittags Blockpraktikum in der Gynäkologie und in der Geburtshilfe. Diese vier Vormittage kann man gegen Absprache auch gegen eine Nachtschicht eintauschen, was die meisten von uns gemacht haben, um überhaupt einmal die Gelegenheit zu bekommen einen Kreißsaal zu betreten. In der Nachtschicht, die ich hatte gab es lediglich einen Kaiserschnitt, bei dem ich assistieren durfte und eine weitere Schwangere, die aber in so einem frühen Stadium war, dass die diensthabende Ärztin mich um 23h nach Hause schickte weil sie meinte dass das vor dem frühen Morgen wohl nichts mehr würde.
In meiner Famulatur in einer gynäkologischen Praxis habe ich zwar jede Menge Babys im Bauch und auch außerhalb gesehen, aber der Teil dazwischen fehlte mir dann trotzdem. Eine diffuse Idee dieses Vorgangs hat man ja auch im Kopf. Vorher Baby im Bauch, später draußen. Muss also irgendwie rauskommen. Gibt ja auch ne Öffnung. Und Filme im Fernsehen zeigen immer dass das mit ganz viel Schreien seitens der werdenden Mutter abläuft und am Ende schreit dann ein kleines rosanes Etwas. 
Soweit die ungefähre Ahnung, die ich bis Montag mittag noch hatte. Montag durfte ich dann nachmittags mit meinem Stationsarzt, der Guardia hatte auf die Geburtsstation und in den Kreißsaal. Dort hatte ich dann gleich innerhalb von zweieinhalb Stunden zwei Geburten gesehen und bei einem Kaiserschnitt assistiert. Kein Wunder es handelt sich ja auch um die größte Geburtshilfliche Klinik des ganzen Landes. Zugegebenermaßen hat das Land gerade mal so viele Einwohner wie Berlin und davon wohnt knapp die Hälfte in Montevideo (ungefähr so viele wie in München). Laut der Facebook Seite des Krankenhauses wird jeder 6. Uruguayo im Hospital Pereira Rossell geboren und etwa jede Stunde kommt dort ein Kinde zur Welt. So siehts da übrigens aus:
Eingang Emergencias der Frauenklinik, geburtshilflicher Teil.
Geklaut von der Homepage http://www.pereirarossell.gub.uy

Zurück zu den Geburten. Logistisch ist das ganze etwas kompliziert. Alles bis kurz vor den tatsächlichen Geburtsvorgang findet auf der Station statt. Kurz bevor es dann soweit ist wird möglichst schnell die werdende Mutter auf eine Trage befördert, den Gang runter, um eine Ecke, nächsten Gang, durch zwei Türen und dann in einen drei Räume des Kreißsaals befördert. Währenddessen ist die passende Assistenzärztin (oder der Assistenzarzt, hab aber bisher hauptsächlich weibliche kennengelernt) schon vorgelaufen, hat sich "sterile" Schuhüberzieher, OP Haube, Handschuhe unklarer Sterilität und eine Schürze angezogen. Die Schwangere darf sich dann noch schnell von der Trage auf den Gebärstuhl hiefen und innerhalb weniger Minuten hat man ein kleines blaues Wesen in der Hand, was bestenfalls schon anfängt ein wenig zu schreien. Hinterher schwappt dann noch eine Welle von Fruchtwasser. Das weitere Prozedere erspare ich dann den mitlesenden Nichtmedizinern. Die Medis unter euch haben ja auch eine grobe bis spezifische Ahnung wie es weitergeht...
Leider habe ich wie bereits erwähnt keinen Vergleich wie das ganze in deutschen Kliniken abläuft. Das kann ich dafür beim Kaiserschnitt umso besser beurteilen. Die Details werden die Meisten langweilen und auf den Spaß mit der Sterilität werde ich lieber zu einem anderen Zeitpunkt nochmal eingehen. Nur so viel: Noch etwa zwei Stunden später bin ich mit einem fetten Grinsen im Gesicht rumgelaufen. Schließlich war es das erste Mal seit Ende Mai, dass ich in einem OP war und es geht wirklich nichts über rituelles Waschen der Unterarme, sterile Kittel und chirurgisches Instrumentieren. 
Silja + Operationssaal = glücklich. So einfach ist das.


Zum Gucken gibts heute eine kleine Kollektionen von Bildern 
rund um die Ramblas und den Río de la Plata






 Vielleicht doch lieber nicht hier baden?





Volleyballer am Strand von Pocitos
 

 

Samstag, 20. Oktober 2012

Samstag.

Samstag. Samstags arbeiten ist völlig unpraktisch. Gut, diese Erkenntnis ist im Grunde nicht neu. Aber ich habs heute nochmal ausprobiert. Samstag morgen früh aufstehen müssen ist wahlweise kontraproduktiv für das Sozialleben (nicht Ausgehen am Vorabend) oder das Schlafbedürfnis (doch Ausgehen am Vorabend). Samstag morgen fahren die Busse seltener. Also müsste man entweder früher aufstehen oder man nimmt eine leichte Verspätung in Kauf. Reguläre Geschäfte haben nur Samstag vormittag auf, wenn man erst mittags aus der Klinik kommt hat alles schon zu (Supermärkte und amerikanisierte Shopping Center haben jeden Tag bis 22h. Immerhin.). Wenn man Samstag mittag nach Hause kommt und noch kurz sein Schlafdefizit mit einer ausgedehnten Siesta ausgleicht ist das Wochenende schon halb rum. Wochenendausflüge werden schwierig/teuer/unmöglich.
Samstage sind aber ganz schön wichtig. Und streichen möchte man sie auch nicht. Im Januar beschert mir mein 120-Tage-Abstreich-Kalender dann eine Woche voller Samstage. Außerdem kommt am Samstag bekanntlich das Sams zurück. Und wenn es den Samstag nicht gäbe würde das wohl auch die Juden leicht unglücklich machen. Samstag heißt aber mancherorts auch Sonnabend. Das klingt schon viel mehr nach Freihaben. Also einen schönen restlichen Sonnabend noch!

[Infos zum Thema Samstag: Was ist das? und Warum heisst das so?
Und wer sträflicherweise das Sams nicht kennt kann sich hier schlau machen.
Wenn man Samstag googlet kommen übrigens lauter lustige Dinge dabei heraus. Ganz viele "Physik am Samstag" Veranstaltung von verschiedenen Unis. Physiker scheinen eine Schwäche für Samstage zu haben. Meine Physikklausuren in der Vorklinik habe ich auch beide an Samstagen schreiben müssen...]


Hier ein paar halbverwackelte Eindrücke aus meinem Arbeitsumfeld.

Stationsflur


"Baño solo para pacientes femenino"


 Tür zum Arztzimmer...


... und was dahinter ist.
Zwei Assistenzärzte und eine völlig verschimmelte Wand.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Kalt Kälter Erkältung

Seit ich hier bin ist mir ständig kalt. Zwischendurch machen Regen und Wind draußen dem deutschen Novemberwetter Konkurrenz und ich fühl mich schon wie die Wetterfee, weil ich euch ständig etwas über Temperatur- und Niederschlagsverhältnisse in Montevideo erzähle. Theoretisch haben wir gerade Frühling. Sagen auch die Uruguayos. Aber eigentlich sollte sich Frühling sich anders anfühlen und der hier verhält sich komisch. Auch das sagen auch die Uruguayos.
Ich scheine eine sehr seltene Begabung zu haben oder einfach aus Versehen den Regentanz erfolgreich zu tanzen. Mein Winter in Sevilla war einer der kältesten und regenreichsten der letzten hundert Jahre (und es fiel zum ersten Mal seit 60 Jahren Schnee). Auch in der südkalifornischen Wüste erinner ich mich noch sehr gut an fünf Tage schulfrei wegen Dauerregens. In Istanbul hat es als ich dort war an meinem Geburtstag im Hochsommer geregnet und gewittert (der einzig schlechte Tag der zehn Tage die ich dort war)... Dabei mag ich weder kalt noch Regen. Mir wär am liebsten Dauersonnenschein mit 25-30°C trockener Hitze das ganze Jahr lang. Okay, ich würde mich auf  jeweils zwei Wochen Herbst, zwei Wochen Winter mit Schnee um Weihnachten rum und direkt danach zwei Wochen Frühling einlassen. Aber den Rest des Jahres könnte meinetwegen gut und gerne Sommer sein (und zwar kein deutscher Sommer sondern ein richtiger!). Dass das Utopie ist weiss ich, aber ich tue ja schon alles dafür mehr Sommer in meinem Leben zu haben. Nun sitze ich im Oktober auf der Südhalbkugel und mir ist vor allem eins: kalt!
Morgens wenn ich aufstehe ist es kalt im Zimmer. Und im Bad. Da ist nämlich immer Fenster auf. Wenigstens das Wasser unter der Dusche ist warm. Aber auch nur so lange bis ich aus der Dusche wieder raus muss. Anziehen, Kaffee kochen, Toast mit Dulce de Leche schmieren, raus aus dem Haus. Jacke an. Draußen ist es noch kälter. Hier gibts auch noch Wind. An der Bushaltestelle drei Blocks weiter möglichst an der Hauswand stehen, wo weniger Wind ist. Im Bus ist es zehn Minuten lang etwas wärmer. Aussteigen. Über das Krankenhausgelände laufen. Frühbesprechung. Auch hier überall Fenster auf. Kalt. Rüber auf die Station im Arztzimmer Jacke und Fleecejacke gegen Kittel eintauschen, Schal ausziehen. Im Arztzimmer riecht es nach Moder und Feuchtigkeit. Die Lösung? Richtig. Fenster auf! Visite auf dem Stationsflur und in den Patientenzimmern. Wenn man in Bewegung bleibt gehts eigentlich. Tut man bei Visiten leider praktisch nicht. Rumstehen. Mir ist kalt. Zurück ins Arztzimmer. Fühlt sich nach Kühlschrank an. Mittag. Kittel wieder gegen Fleecejacke und Jacke tauschen. Schal an. Ein wenig wärmer. Raus aus der Klinik. Wind. Ahhhhhhhh!!!! Nach Hause laufen. Schon ein wenig wärmer. Immerhin regnet es nicht. Oh! Ein Sonnenstrahl! Endlich ein wenig warm. Mist schon wieder vorbei. Zu Hause. Unterzuckert, Nudeln kochen, Essen, Kaffee kochen. Am Schreibtisch sitzen und online Kreuzen (76% in Gyn, ich werde besser). Das einzige was sich bewegt sind Finger und Synapsen. Kreislauf im Keller. Zweites paar Socken wieder anziehen. Fleecejacke wieder anziehen. Abends Kino. Dort ganz kalte Nase von der ganzen Kälte. Wieder zu Hause. Schlafen. Es gibt: Laken, Fleecedecke, Microfaserdecke. Lange Hose. Ich lass auch lieber die Socken an...
Und was hat man vom ganzen Kältespaß? Richtig. Ein Erkältung. Dass die was mit kalt zu tun haben muss steckt ja schon im Namen. Aber glücklicherweise ist die nach ein paar weniger aktiven Tagen inzwischen auf dem Rückzug. 

In diesem Sinne möchte ich Rudi Carell zitieren und frage mich "Wann wirds mal wieder richtig Sommer?" 



P.S. Ich hab mir gestern Taschentücher gekauft. Es gab allerdings nur welche aus der Pappbox oder parfümierte. Dabei hatte man immerhin die Wahl zwischen Menthol, Melone, Erdbeer oder Lavendel. Ich hab mich dann für letzteres entschieden und so riechen inzwischen auch meine Finger...

Trotz der Kälte hab ich mich bei ein wenig Sonne und nur ein wenig Wind auf einen Fotospaziergang gewagt.
 Ein paar Eindrücke aus meiner mehr oder weniger Nachbarschaft.

 Schattenspiele I


  Schattenspiele II


Der allgegenwärtige Verfall I


 Der allgegenwärtige Verfall II




 Auch ne Art der Balkonnutzung...


Frau mit Hunden


Mann mit Zeitung


Eckladen


 Reifenladen

Sonntag, 14. Oktober 2012

Sonntag mit Sonne

Heute war ein Sonntag, der seinem Namen alle Ehre machte. Zum ersten Mal hab ich meine Sonnenbrille aus dem Rucksack geholt und wahrscheinlich hat meine Stirn inzwischen eine dezent andere Hautfarbe als noch heute morgen. Genutzt habe ich den Tag um auf dem Sonntagsmarkt Tristan Narvaja herumzuschlendern. Der findet in der namensgebenden Straße und einigen Parallel- und Querstraßen statt. Neben Obst, Gemüse, Kleidung, lebenden Kleintieren (gesehen habe ich Hühner, Kaninchen, Mäuse, Kanarienvögel und Hamster), Käse, Brot, Hygienartikeln und Schmuck finden sich dort auch allerlei Raritäten, Antiqutäten, Schnickschnack und Schrott. Das Wetter war perfekt um bei strahlendem Sonnenschein und 22° zu schauen, was so angeboten wird. Im Gegensatz zu Caitlin, die mich begleitet hat, habe ich noch nicht mal was gekauft. Das stimmt gar nicht. In einer Bäckerei haben wir uns beide jeweils einen Alfajor gekauft. Dabei handelt es sich zwei runde Kekse gefüllt in meinem Fall mit Dulce de Leche und dann noch mit Schokolade überzogen.
[Das deutschsprachige Wikipedia gab zu diesem Thema leider nichts her. Wen die Geschichte dieses spannenden eigentlich spanischen und eigentlich ganz anderen Gebäcks interessiert kann sich auf Englisch hier schlau machen]
Um die späte Mittagszeit (also so gegen 14:30h) fanden wir ein ganz nettes winziges überfülltes Lokal, in dem live Tangomusik gespielt wurde. Dazu gab es extrem leckere hausgemachte Pasta. Kann nicht jeder Tag so sein?

Ich hab ab morgen dann auch endlich mal ein Zimmer und kann aus dem Hostel ausziehen. Nicht, dass es hier schlecht gewesen wäre, aber mein Rucksack möchte langsam mal ausgepackt werden, mein Kalender aufgehängt und meine Klamotten in einen Schrank gepackt werden. Die Wohnung liegt genau auf der Grenze zwischen den Stadtteilen Palermo und Barrio Sur. Zu den Ramblas, den Promenaden am Wasser, sind es 500m (genau dort am Ende der Straße liegt übrigens die deutsche Botschaft). In die andere Richtung sind 400m bis zur Hauptstraße "18 de Julio", wo jede Menge Busse fahren und viele Geschäfte sind. 
In dem Haus kann man sogar aufs Dach, wo es zwar keine Möbel gibt, aber wo man mit einer Decke super in der Sonne sitzen kann und Lesen/Lernen/Rumhängen kann. 

Thematisch passend heute Bilder meines sonnigen Wochenendes
Blick auf Playa Ramírez (rechts) 
und die Häuser von Parque Rodó (rechts), Palermo (mitte rechts), 
Barrio Sur (mitte links), Centro (links hinter den Bäumen) 
und Ciudad Vieja (fällt links aus dem Bild)


 Zwischen Punta Carretas und Pocitos.


Zwischen Punta Carretas und Pocitos.
Samstag morgen halb zehn.
Kein Knoppers weit und breit.


Puzzeln?


Eine ruhigere Seitenstraße des Markts


Klangen besser als sie hier aussehen:
die Tangomusiker bei unserem Mittagessen.