Ich wohne schon seit zwei Wochen in meinem neuen Zimmer. Ist also nicht mehr so neu. Mein Spanisch wird immernoch täglich ein klein wenig besser. Ist aber schon seit ich hier bin so. Auch nicht neu. Ich hab mich langsam auch an das Bussystem, die teuren Preise und Begrüßung mit Kuss gewöhnt. Also was ist dann noch neu gerade? Vielleicht ist das gerade das Neue. Der Alltag. Ich stehe morgens auf und koche Wasser für Kaffee (Gasflasche aufmachen, Flamme anzünden, Kessel mit Wasser drauf) und gehe ins Bad während das Wasser anfängt zu kochen. Ich fahre jeden morgen mit dem Bus in die Klinik (je nachdem welcher zuerst kommt CA1 oder einer von den 180ern), komme mittags nach Hause, koche mir was, gucke im Internet was in der Welt und der Heimat so los ist, gehe nochmal raus. Manchmal ins Kino (ich bin jetzt um 12€ ärmer und dafür Mitglied in der Cinemateca Uruguaya und kann einen Monat lang alle Filme in vier Säalen umsonst schauen). Ich weiss was im Supermarkt an welcher Stelle steht. Ich habe den Stadtplan zwar noch in der Tasche, aber schon seit über ner Woche nicht mehr drauf geguckt. Ich weiss welche Fragen man Schwangeren morgens in der Visite stellt (Schmerzhafte Wehen? Blutung? Flüssigkeitsverlust? Bewegt sich das Baby?). Insgesamt also denke ich über meinen Alltag nicht mehr viel nach.
Manche Dinge ändern sich auch einfach nie. Heute morgen in der Frühbesprechung saß eine der Internas von meiner Station hinter mir und nach einer gewissen Zeit entdeckte sie den Spaß am Spiel "Zieh die Locke lang und lass sie springen". Ein Phänomen das irgendwie immer wieder und in allen Ländern auftritt wenn neugierige Menschen hinter mir sitzen...
Also irgendwie alles beim Alten.
Aber vielleicht auch nicht. Ich war heute zum ersten Mal in der Pizzeria/Bar bei uns an der Ecke. Hauptsächlich weil ich mittags nichts zu Essen im Haus hatte und zu faul und zu hungrig war um erst zum Supermarkt laufen, dann wieder nach Hause und dann noch was zu kochen. Der Kellner war auf ein unaufdringliche Art so unglaublich überschwänglich freundlich wie es mir bisher noch nie begegnet ist. Keine Höflichkeitsfloskeln und keine schlechte Anmache. Er war einfach genuin freundlich. Hat gefragt ob ich Uruguay mag, wie lange ich schon hier bin und später ob ich noch Salz oder irgendwas anderes brauche. Ob ich noch einen Kaffee oder Tee wollte, der ginge dann aufs Haus. Am Ende hat er sich noch entschuldigt nicht sofort gemerkt zu haben als ich bezahlen wollte, aber ich saß auf der Terasse und es lief Fußball im Fernsehen, da war er einen Moment abgelenkt. Aber ich fühlte mich weder beobachtet noch ignoriert beim Essen. Zum Schluss bedankte er sich dass ich da gewesen sei und hoffe es habe mir gut gefallen, er habe sich gefreut dass ich da gewesen sei.
So viel ernstgemeinte Freundlichkeit ist mir neu. Aber ich habe auch schon öfter gehört, dass hier jemandem der einen Stadtplan anschaute Hilfe angeboten wurde. Und ohne irgendwas zu wollen. Nicht als Ablenkungsmanöver für einen Taschendiebstahl oder als Einstieg um nach der Telefonnummer zu fragen. Einfach ein Hilfsangebot ohne Gegenleistung. Schön sowas.
Aber damit das hier nicht so harmonisch und kitschig wird noch ein Beispiel warum Uruguay auch nervig sein kann. Ich versuche seit einiger Zeit an einer Busfahrkarte mit Studentenrabatt zu kommen. Die gibt es und man muss dafür in eins der zuständigen Büros von STM - dem Verbund der Buslinien - gehen und kann diese personalisierte Studentenkarte mit Foto von denen bekommen. Damit kann man dann zum halben Preis Bus fahren. So weit so gut. Bei meinem ersten Besuch hieß es ich sei noch nicht im System registriert und die Fakultät müsse mich eintragen (das war vor zwei Wochen). Gestern bin ich nochmal hingegangen nachdem ich gehört hatte dass eine andere deutsche PJlerin inzwischen so einen Ausweis hat. Nach einigem Hin und Her, erklärte mir der Junge hinter der Glasscheibe, dass er nicht wisse wie man das in den Computer eingibt wenn es nicht die Nummer eines uruguayischen Personalausweises sei, sondern die eines deutschen Passes, die nicht nur Zahlen sondern auch Buchstaben hat. Ich solle doch am nächsten Tag zwischen 8 und 14h vorbei kommen, da sei ein Kollege da, der sowas möglicherweise wisse. Also bin ich heute nochmal hin. Der gleiche Junge hinter der Glasscheibe und ein anderer an einem Schreibtisch. Der solle mir wohl helfen können. Der war allerdings erstmal damit beschäftigt einen anderen Kunden zu bedienen. Dazu musste er einen Etikettendrucker wieder zum Laufen bringen, um dem Kunden einen Aufkleber auf seine Karte kleben zu können, damit diese gültig ist. Nach drei Minuten stellte er immerhin fest, dass das Problem war, dass die Rolle im Etikettendrucker alle war. Eine neue hatte er auch. Aber das Einsetzen klappte nicht. Band nach oben, Band nach unten. Telefon gesucht und jemanden angerufen. Der versuchte telefonisch Rat zu geben. Telefonierend weiter versucht. Ging immernoch nicht. Nach einer viertel Stunde, die ich schon dort saß und ihm bei seinem Problem und dessen Lösung zuschaute, instruierte der Typ dann den anderen Jungen hinter der Glasscheibe wie man Reisepassnummern in den Computer eingibt. Das versuchte der dann auch tatsächlich. Erster Versuch Nummer falsch. War ja klar. Er hat es auch nicht aus dem offiziellen Teil des Passes abschreiben wollen, sondern auf einem von mir handschriftlichen ausgefüllten Formular, was ich zur Ausreise noch brauche. Wieso ist mir nicht so ganz klar. Vielleicht kannte er das englische Wort für Nummer nicht und hat sie im Pass selber nicht gefunden? Oder er ist nicht der Hellste. Oder beides. Später schrieb er noch meinen Vornamen falsch ab. Wie man aus einem J ein B lesen kann ist mir auch schleierhaft. Egal. Er schrieb dann vom Formular auf einen Zettel nochmal ab was er glaubte dort gelesen zu haben, zeigte mir den Zettel und fragte ob das so richtig sei. Auch ne lustige Methode. Schlußendlich stellte sich heraus, dass ich trotz aller Bemühungen immernoch nicht im System zu finden sei. Also ging ich frustriert und ohne Studentenbusfahrkarte nach Hause und schrieb dem Auslandsbüro der Fakultät eine Email...
So kompliziert kann Uruguay auch sein.
Die Bilder sind heute bunt. Hier gibt es jede Menge bunte Wände.
"Una Esquina con Identitdad Uruguaya"
Eine Ecke mit uruguayischer Identität
"Borracho pero con flores vengo"
Ich komme betrunken aber mit Blumen
"Anti humano"
Kaugummi
Kindergarten






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